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Ausstellung: RADICAL ADVERTISING, Düsseldorf


01.05.08
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Label:
NRW-FORUM Düsseldorf
 
Vö:
05.04.2008
 
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Redaktion:
2
 
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Prima! Neu! Nur Hier! Werbung jetzt mit Museumsgeschmack!

Ist nicht gut! Also die Ausstellung. Und zwar das ganze Ding von vorne (dem Konzept) bis hinten (der Präsentation).

Wer Werbung ins Museum hängt, sollte ein As im Ärmel haben. Aber das Museum heißt 'NRW-Forum Kultur und Wirtschaft' und das klingt genauso steif und wanzig, wie der Sinn dahinter: Die Wirtschaft im Kontext kultureller Bewegungen zu zeigen. Dieser programmatische Tunnelblick zwingt aber niemanden dazu, so eine lieblose Sammlung an die Wände zu klatschen. Und das stulle Abfeiern der Exponate macht die Sache nicht eben glaubwürdiger. Denn RADICAL ADVERTISING sabbert mehr Speichelfäden ab, als eine Dogge bei einem Marathonlauf durch die Sahara. Aber eine kritische (oder auch nur neugierige) Momentaufnahme aktueller Werbetreiberei bleibt völlig aussen vor.

Im Umsonst-Magazin zur Ausstellung lobpreisen und umjubeln, herzen und schmusen sich die Ausstellungsmacher Petra Wenzel und Werner Lippert dergestalt rallig an 'die Werbung' ran, dass es einen an die debil-gute Laune von Tele-Shop-Moderatoren erinnert:

(...) Sie ist heute eine hochentwickelte Bewusstseinsindustrie, die provoziert und wie aktuelle Kunst gesellschaftliche Brüche, Tabuzonen und Wertewandel auslotet. (...) Höchste Zeit, die aufregendsten der neuen kreativen Strategien ins Museum zu holen. (...)

Puh! Damit ist die Sackgasse asphaltiert: Jeglichen kritischen Anspruch an RADICAL ADVERTISING bitte zu Hause lassen, das haben die Macher ja auch getan: Bitte nur die Euro 5,50 mitbringen! Vielleicht ist das noch die schönste Idee hinter dem ganzen Schmu: Für Werbung Eintritt verlangen.

Sicher, das dauerfreche Gör Werbung hat sich in den letzten Jahren so manche Frucht aus den Nachbargärten Film, Malerei, Performance, Musik usw. geklaut. Wie auch nicht? Gespür fürs Interesse der Zielgruppe könnte die Arbeit als Trainee in einer Agentur hauchzart erleichtern. Daher verblüfft das baffe Erstaunen und brachiale Gebrüll von RADIVAL ADVERTISING über die Erkenntnis, dass sich Werbung tatsächlich der Mode und dem Zeitgeist anpasst, doppelt, dreifach und drüber hinaus:

„Guerilla-Marketing in allen Variationen ist gefragt, dynamisches, indirektes Marketing, das spielerisch und vor allem interessant kommuniziert. (...) Werbebotschaften (...) auf Bürgersteigen, Gepäckbändern, in Stammkneipen oder Internetportalen.“

Gähn und Danke für den Fisch.

In den beiden Flügeln im Erdgeschoß präsentiert sich wahlweise ein „Bilderfundus der Superlative“ (laut Magazin), oder ein heilloser Mischmasch völlig unterschiedlicher Ansätze (laut mir). Gezeigt werden u.a. Klassiker des Genres: Die verstörenden Posen von sexy Teenies in den Kampagnen von CK/Bruce Weber und die Ex-Schreck-Bilder der Benetton/Toscani-Anzeige. Dazu gibt es eine Wand voller Plakate von Comme-des-Garçons, eine kleine Diesel- und Sisley/Richardson-Gallerie.

Teilweise wurden die Sachen pixelig vergrößert, in den Texten daneben finden sich verblüffend viele Schreibfehler. Den Kontext mit der Kunst belegen circa fünfeinhalb Beispiele von Jeff Koons, Daniele Buetti und Cindy Sherman. Dazwischen eine Lümmelecke mit Fatboy-Sitzecken, dem obligatorischen Display-Gewimmel und allerlei Sound aus allerlei Ecken. Der Muße dient das nicht.

Im Flügel gegenüber ist die Mischung noch wilder. Amnesty-International-Installationen treffen auf beklebte Minis (die Automarke), schlampige und kleine Fotos von 'Guerilla-Stores' auf die Blixa-Bargeld-liest-Hornbach-Filme. Zwischendurch wird American Apparel ordentlich der Bauch gepinselt:
 
„(...) Die Zukunft radikaler Werbung gehört dem Social Marketing, der ethischen Werbung, wie sie American Apparel vorführt. Es gibt keine Logos, dafür produziert der Textilkonzern T-Shirts in Los Angeles, bezahlt faire Löhne und lässt die Kunden mit eigenen, oft intimen Fotos werben.“

Bestens! Diese Zukunft wird direkt bestellt, gebucht und gekauft.

RADICAL ADVERTISING fehlt das Gespür, Unterschiede und Verläufe in den jeweiligen Kampagnen aufzuzeigen. Vor allem wird alles was den Herrschaften beim Kozept-Schreiben unter die Nase geriet, mit 'radikal' geadelt: Ob die Pin-Ups der letzten Jahrzehnte, die Pop-Ups im Internet, alles bunte und schick fotografierte. Sogar Tante Emmas temporärer Laden wird zum 'Guerilla-Store' erklärt.

Das Problem ist einfach: Die Macher tappen auf genau die Weise in die Falle, die sich der Brand Consultant jeder Agentur wünscht. Sie installieren Botschaften und Ästhetik der Werbeindustrie im eigenen Denken. Besser wäre es gewesen, den ganzen Trubel als Fassade zu branden und statt der Lobpreisung der Labels mal unter eins drunter zu gucken. Wieviel Radikalität steckt denn wirklich in den Trend-Kampagnen? Und kann das Ziel, Verkäufe anzukurbeln, wirklich mit 'System-Veränderung' gleich gesetzt werden?

Zum Schluss noch ein Hinweis: Mia ist keine wirklich gute Band und ausgerechnet diese Typen den Videopodcast einsprechen zu lassen ...  naja.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 17.08.2008

Fotos: 
Karsten Loh & Marija Zurak 



(Man darf Bilder machen. Dafür auch die beiden Gnadenbierfläschen)









 
Nachricht an Autor karsten@karstenloh.de
 
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Letzte Aktualisierung ( 29.11.08 )
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