Gunther Gabriel war schon immer ein feister Aufschneider mit Dauerschräglage. Jetzt mit 67 Jahren hat er noch mal zum größtmöglichen Schlag ausgeholt und macht reinen Tisch mit seiner holperigen Vergangenheit. Er macht keinen Hehl aus seinen Grenzen, trägt trotzdem dick auf und um die Lücken dazwischen aufzufüllen klaut er unverfroren beim Spätwerk seines erklärten Idols Johnny Cash. Das geht soweit auch in Ordnung, denn seine Stimme ist und bleibt nun mal unverwechselbar und die 14 Songs sind einiges mehr als das Vermächtnis eines altersschwachen Truckergeschichtenerzählers, nein sie gehen vielfach sehr nahe. Cover Artwork, Video Ästhetik und auch die Songauswahl sind zwar extrem den "American Recordings" von Cash nachempfunden, aber mein Gott was soll´s?
Country Musik ist nun mal nicht in Bünde/Westfalen erfunden worden, aber der dort geborene Günther Caspelherr (G.G.) war sein Leben lang davon fasziniert und wie kein anderer steht er auch heute noch für deutschen Country mit ausgeprägtem Underdog Faktor. Klar sind Cash, Merle Haggard, George Jones oder David Allen Coe noch viel kaputter und böser gewesen als Gabriel, aber wenn man seinen Style mag, so ist „Sohn aus dem Volk“ (German Recordings) ein tolles Album voll mit knackiger Bauarbeiterlyrik geworden. Musikalisch schließt er dabei übrigens deutlicher zu Cash auf als textlich, die Coverversionen sind meist gut gewählt und die Unterstützung von KLEE´s SUZI Kerstgens bei „2 Fragen“ bescheren dem Album sogar einen potentiellen Hit!
Thom Yorke´s Creep ist mit „Ich bin ein Nichts!“ ebenso beeindruckend umgesetzt, nur als „Hit“ eben viel zu traurig! Die Trompeten von Calexicos Martin Wenk sind erwartungsgemäß kraftvoll und melodiös auf dem Album verteilt, das Cover zu Ideals „Blaue Augen“ macht leider keinen großen Sinn an dieser Stelle und für Bowies „Heroes“ sind Gabriels Cowboystiefel leider echt nicht groß genug. Das sich genau dabei dann auch die Schlagerkasper von Boss Hoss wieder einmal einmischen müssen, stößt eher übel auf und riecht nur nach Plattenfirmenbusiness. So oder so, rein in die Cowboystiefel, die Beine breit ausgestellt und zwei Finger in die Luft gestreckt, Gunter ist wieder da und weiter geht´s - um es in seinen eigenen Worten zu sagen: „Wir sind doch hier nicht im Wartesaal. Das Leben ist zu kurz!“ ( aus: “Nie wieder wart ich so lang“).
Trackliste:
01. Ich geb den Rest für dich
02. Blaue Augen
03. 2 Fragen feat. Suzie Kerstgens
04. Das Lied
05. In besseren Tagen
06. Haus am See (Peter Fox!!)
07. Vor meiner Zeit
08. Ich bin ein Hobo
09. Nie wieder wart' ich so lang
10. Schlag, mein Herz
11. Sohn aus dem Volk
12. Heroes feat. The BossHoss
13. Mein Weg
14. Ich bin ein Nichts
15. Der Schmerz (Hidden Track)
+ Video zu: Ich geb den Rest für dich