Home arrow Reviews arrow Konzerte arrow r/v: CHRIS FARLOWE & HAMBURG BLUES BAND - 19.02.10, Wuppertal, LCB
Advertisement
Advertisement
 

..Reviews > Konzerte..

r/v: CHRIS FARLOWE & HAMBURG BLUES BAND - 19.02.10, Wuppertal, LCB


25.02.10
Image
Schwere Zeiten sind gute Zeiten


Es herrschen schwere Zeiten. Finanzkrise, Schweinegrippe, Rekordwinter. Irgendetwas ist ja immer. Wuppertal trifft es allerdings besonders hart. Das Schauspielhaus soll geschlossen werden, die Schwebebahn fährt seit Wochen nicht mehr, und wenn eine Stadt im Schneechaos versunken ist, dann die bergische Metropole. Nein, in Wuppertal möchte man dieser Tage wirklich nicht sein. Ein paar Leute sehen das allerdings anders. Sie stehen an diesem Abend im engen LCB im Haus der Jugend Wuppertal Barmen und erzählen unablässig davon, wie aufregend diese Stadt doch sei und was man in dieser Stadt alles erleben könne. Es muss also Hoffnung geben. Sie singen davon. Sie singen Blues, sie spielen Blues. Und wer sollte in solchen Zeiten am besten wissen, was Hoffnung ist, wenn nicht Blues Musiker?


So wie sie da stehen, nimmt man ihnen aber auch alles ab, dieser HAMBURG BLUES BAND um Frontmann Gert Lange und Gitarren-Legende Clem Clempson. Lange verkündet auch gleich das Motto des Abends: "Mit einem Messer im Rücken geht man noch lange nicht nach Hause", und bittet um Verständnis dafür, dass das hohe C mit seiner schweinevergrippten Stimme höchstens noch durch übermäßigen Drogenkonsum erreichbar ist. Das macht natürlich überhaupt nichts, wenn dafür die Gitarren schon nach wenigen Takten genau an die Schmerzgrenze getrieben werden, bei der die meisten Anwesenden dankbar sind, dass nach oben hin irgendwann einfach keine Saiten mehr da sind. Ja, Blues ist eben anstrengend, nur dann macht er wirklich Spaß. So wie das stampfende "Bad To The Bone" vom aktuellen Album "Mad Dog Blues", bei dem sich die kreischende Geräuschkulisse auf der einen, und der glasklare, mehrstimmige Backgroundgesang auf der anderen Seite einen Kampf liefern, bei dem der Sieger unklar bleibt. Oder wie das uralte "Stony Times" von der '99er "Rollin'"-LP, das allein schon namentlich perfekt in diesen Abend mitten im kalten Winter passt. Blues-Leute haben die schweren Zeiten eben gern.


Wie oft Gert Lange dabei schon in den ersten Minuten erwähnt hat, wie toll es ist, in Wuppertal zu sein, hat schon längst niemand mehr mitgezählt. Warum das so ist, hat er ohnehin nicht wirklich verraten. Das hat er für Chris Farlowe aufgehoben. Denn als der nach einer guten halben Stunde geradezu zaghaft die Bühne betritt, hat er eine Menge zu erzählen von den alltäglichen Tragödien, und wie man ihnen trotzt. Gerade wenn man in Wuppertal ist. Seinen Arm trägt er im Gips, die Erklärung folgt auf dem Fuß: "I had an argument... with a staircase." Dass das einen fast 70-Jährigen noch lange nicht davon abhält, seine legendäre Stimme, die viele der Älteren im Publikum noch gut aus seligen COLLOSSEUM-Zeiten kennen, auf die Bühne zu bringen, wird schnell klar. Die "Frauleins" im städtischen Krankenhaus haben ihn schließlich bestens umsorgt. "It's nice to be in Wuppertal", röhrt er in "Jealous Man" vom neuen Album "Hotel Eingang", und die Menge freut das natürlich sichtlich. "I searched Wuppertal all over / no woman can I find", verrät er später in "I Don't Wanna Sing The Blues". Und weiter: "It's mighty mighty hard to carry this heavy load." Da spricht er dem krisengeplagten Publikum natürlich aus der Seele. Dass er bei anderen Auftritten wohl jede andere x-beliebige Stadt an diese Stelle setzt, tut natürlich nichts zu Sache. Blues ist Improvisation. Und die darf auch mal ganz simpel sein.


Die HAMBURG BLUES BAND ist inzwischen längst in den Hintergrund getreten, was vor allem dem Grimassen schneidenden Gert Lange sichtlich schwer fällt. Clem Clempson hingegen fühlt sich in seiner Ecke mit seiner schneeweißen Gitarre sowieso am wohlsten, wenn er einfach nur seine Songs spielen darf. Das muss aber auch so sein, ist Farlowe mit seinem Gesang zwischen Jodel-Einlage, langgezogenem Quietschen und pechschwarzem Raunen à la Tom Waits doch längst zum Alleinunterhalter geworden, während er sich von "Fog On The Highway" bis "I Don't Wanna Love You Anymore" durch das Repertoire des aktuellen Albums singt. Zum Abschluss müssen die Hits "All Or Nothing" und "Out Of Time" aber doch noch mal ausgepackt werden. Noch ein mal an die alten Zeiten denken. Als noch nicht alles so hart war. Aber selbst für aktuelle Probleme hat dieser Abend eine Lösung parat: "If you feel a little sad / Come on over to Wuppertal / And I will sing the blues." Wer redet da schon noch von schweren Zeiten?



Ähnliche Artikel auf www.triggerfish.de:


Konzertbericht: JETHRO TULL – 14.03.09, Wuppertal, Uni Halle

Konzertbericht: HENRIK FREISCHLADER – 15.05.09, Wuppertal, Börse

Konzertbericht: JAZZWERKRUHR 2008 – 05.12.08, Dortmund, domicil


 

Hier zu kaufen

Amazon Logo


 
Nachricht an Autor eric@triggerfish.de
 
Weitere Beiträge von Eric Baudner
Letzte Aktualisierung ( 28.02.10 )
Disclaimer Impressum - triggerfish.de, Andrew Uhlemann Kontakt Jobs